Publikationen.
Fallbeispiel (März 2002):
Festhalten und Cranio-Sacrale-Osteopathie
SCHMERZHAFTE VERSPANNUNG und BINDUNGSSTÖRUNG
von Lin Burian
Baby Sandra
Sandra, dreieinhalb Monate alt, ein schlankes, langgliedriges, blondes Mädchen, das mir in unserer ersten Begegnung durch seinen angestrengt wirkenden, verängstigten Blick und starken Speichelfluss auffällt, den die Mutter, Angelika, 33 Jahre alt, ständig mit einem über den Strampelanzug gebundenen Lätzchen aufzufangen sucht. Angelika stellt mir Sandra als Schreibaby vor. Von ihrer Hebamme habe sie von meiner Arbeit als Cranio-Sacral-Therapeutin und prekopsche Festhaltetherapeutin gehört. Sandra sei, seit sie wenige Tage alt war, auffallend unruhig, trinke schlecht, schlafe wenig, schreie anhaltend lang und viel und, wenn sie das lauthalse Weinen und Schreien kurz unterbricht, wimmere und greine sie, oftmals auch in den kurzen und seichten Schlafphasen.
Mutter Angelika
Angelika saß erschöpft wirkend und den Tränen
nahe am äußersten Rande des Polstermöbels, das ich ihr zum
Platznehmen angeboten hatte. Nach jedem dritten Satz erhob sie sich, um eine
kleine Runde mit der quengelnden Sandra zu drehen, die sie einmal in Bauchlage
kräftig auf ihrem Arm wiegte und schunkelte, dann wieder rücklings
schulterte und den kleinen Windelpo klopfte. Sobald sie sich setzte, wimmerte
Sandra erneut los und zappelte unruhig im Arme der Mutter, die ihrem Baby daraufhin
abwechselnd Schnuller und Brust anbot.
Angelika wirkte nervös, angespannt und völlig überlastet auf
mich. In keiner Minute unseres Gesprächs hielt sie Sandra ruhig und fest
in ihren Armen. Wir benötigten eineinhalb Stunden, um die wichtigsten
Informationen zu sammeln: Sandra war das erste Kind von Angelika und ihrem
Mann. Ein Wunschkind. Beide Elternteile waren beruflich erfolgreich und gut
finanziell abgesichert. Die Befruchtung erfolgte auf natürlichem Wege,
die Schwangerschaft verlief problemlos und entspannt. Der errechnete Geburtstermin
verstrich, zehn Tage danach traten spontan noch keine Wehen auf. Angelika konsultierte
täglich ihren Arzt im Krankenhaus, fühlte sich trotz fortgeschrittener
Schwangerschaft wohl und auch dem Baby ging es laut Ultraschall und Herztonmessung
gut. Dennoch empfahl der behandelnde Arzt am elften Tag nach „dem Termin“,
die Entbindung mit künstlichen Wehenmitteln einzuleiten. Angelika und
ihr Mann stimmten zu.
Die Geburt
Als ein sofort vaginal verabreichtes Wehenmittel nicht den gewünschten Erfolg zeitigte, wurde Angelika an den “Wehentropf“ angeschlossen. Nun setzten die Wehen „mit einer extremen Power“ (O-Ton Angelika) ein. Wiewohl die Gabe des Wehenmittels alsbald unterbrochen worden war, trat Angelika nach nur zwei Stunden in die Austreibungsphase ein. Angelika: „Alles ging plötzlich unglaublich schnell, ich fühlte mich wie ein Druckkochtopf, der knapp vor der Explosion steht.“ Zwei oder drei Presswehen später war Sandra geboren und schrie bald darauf zum ersten Mal los. Angelika beschreibt sich in dieser Situation als „völlig weggetreten“. Sandra zeigte sich von Beginn an recht unruhig, schlief aber in den ersten Tagen noch viel, nahm auch die Brust der Mutter an, wiewohl sie diese während des Saugens oft ausspuckte und das Köpfchen unruhig hin und her bewegte. Bereits nach wenigen Tagen bemerkte Angelika den seither anhaltenden starken Speichelfluss, Sandras Schlafphasen wurden immer kürzer, die Unruhe, auch beim Trinken, immer größer, das Weinen und Schreien immer lauter und mehr. Angelika nahm Sandra oft halbstündig an die Brust, um das Kind damit zu beruhigen und um sich zu vergewissern, daß Sandra nicht vor Hunger weinte. Selbst Fläschchenkost boten die besorgten Eltern ihrer Sandra an, aber auch davon wurde die Kleine nicht ruhiger. Sandra reagierte empfindlich auf jede Berührung. Zahlreiche medizinische Untersuchungen, eine Ernährungsumstellung der Mutter und zwei Tage und Nächte auf einer Schreiambulanz brachten kein Ergebnis oder Linderung. Angelika (und ihr Mann) taten 24 Stunden pro Tag alles, um ihr Kind zu beruhigen, legten es auf Schaffelle, trugen es stundenlang auf ihren Schultern durch Wohnung und Garten, schaukelten es im Kinderwagen, sangen ihm vor, fuhren es im Auto spazieren, massierten, wickelten und fütterten es. Ohne Erfolg. Müdigkeit und Verzweiflung waren Angelika ins Gesicht geschrieben.
„Das will Sandra nicht!“
Am schlimmsten, so Angelika, sei das Gefühl, ihrer Sandra „keine
gute Mutter“ sein zu können, nicht in der Lage zu sein, ihre Tochter
zu beruhigen. Auf meine Frage, ob sie bereits versucht hätte, ihre Kleine
in ein weiches Tuch gewickelt an sich zu drücken und festzuhalten (ich
demonstriere die Haltung), weinte sie: „Das will Sandra nicht! Sie wehrt
sich gegen mich! Sie bugsiert mich mit ihren Ärmchen weg und biegt sich
nach hinten durch. Sie will mich auch nie anschauen....“
Angelika hatte aus dem „abweisenden“ Verhalten Sandras also geschlossen,
dass Sandra sie „nicht wollte“, wertete sich als Mutter ab, empfand
sich als „nicht richtig“, spürte vielleicht selbst ihre Liebe
zu dem Kind aufgrund der erfolglosen und erschöpfenden Anstrengungungen
nur mehr verzweifelt schwach und machte sich insgeheim auch daraus einen Vorwurf.
Ein Teufelskreis. Statt mehr nahm Angelika ihre Tochter immer weniger fest
in den Arm, hob sie mit zaghaften und zögernden Händen hoch, schaute
mit immer müderen und angstvolleren Augen auf das kleine Mädchen,
bot ihr ohne Unterlass neue Ablenkungen an, bis ihr außer Ratlosigkeit
und Verzagtheit nichts mehr blieb und sie das quengelnde Kind abwechselnd ihrem
Mann oder ihrer Mutter überließ, die langfristig genauso wenig ausrichteten
wie sie selbst. Sandra blieb unruhig und war untröstlich.
Meine Vermutung war, dass Sandra sich möglicherweise aufgrund einer osteopathischen Läsion stark unwohl fühlen könnte und vielleicht Schmerzen und/oder (Ver)spannungsgefühle hatte. Aus meiner Erfahrung als Cranio-Sacral-Therapeutin weiss ich, daß u.a. „schnelle“ Geburten oftmals zu Fehlstellungen an Schädel, Becken und Wirbelsäule sowie Extremitäten führen können. Schon minimale Beeinträchtigungen (oft nur im Mikrometerbereich) können indirekt auch Gewebe, Organe, Nerven, Muskeln, Sehnen etc. mitbetreffen. Umgekehrt könnte z. B. auch eine muskuläre Verspannung Auslöser sein. Würde diese Annahme zutreffen, wären Angelika und Sandra ein typischer Fall aus meiner Praxis: Eine u.U. ohnehin unsichere Mutter sieht sich mit einem Kind konfrontiert, das auf keine Form der Zuwendung mit Entspannung reagiert, was die (eventuell latente) Unsicherheit der Mutter weiter erhöht und damit verhindert, dass sich das Baby mit seinem (somatischen) Schmerz von seiner primären Bezugsperson angenommen fühlt. Zusätzlich zur Belastung durch anhaltendes körperliches Unwohlsein ist das Baby damit obendrein durch den Verlust seiner „secure base“ in einen Unruhezustand versetzt.
Bevor ich Angelika bitte, ihr Baby auf die Behandlungsliege zu legen, kläre ich sie über die Möglichkeiten und Grenzen einer cranio-sacralen Intervention auf und schließe Erläuterungen über Bindungstheorie und Festhaltetherapie an. Ich führe sie in den Ablauf eines festhaltetherapeutischen Prozesses ein und beobachte dabei ihre Reaktion. Als ich vom Bedürfnis nach Bindung spreche und ausführe, was ein Vermissen desselben bewirkt, zeigt sich Angelika berührt und stimmt nach Erörterung von weiteren Fragen der von mir vorgeschlagenen Vorgehensweise zu: Zuerst cranio-sacrale Behandlung, danach Festhalten im Arm der Mutter. (An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich in Fällen wie hier beschrieben oftmals auf eine längere Vorbereitungsphase der Mutter auf den festhaltetherapeutischen Prozess verzichte, wenn sich mir die Not des Babies und auch der Mutter so groß darstellt, dass eine sofortige Anleitung zum Halten sinnvoll und eventuell notwendig erscheint.)
Sandra wird cranio-sacral behandelt
Angelika legt ihr kleines Kind auf die Liege. Nach einem Lagetest (Symmetriebetrachtung) ersuche ich die Mutter, sich direkt zu ihrem Kinde auf die Behandlungsliege zu setzen, während ich eine segmentale Untersuchung der Wirbelsäule durchführe. (Abprüfen der Beweglichkeit aller Wirbel vom Beckenring bis zum Hinterkopf durch eine Art „sensorisches Abtasten“.)
Danach taste ich Sacum (Kreuzbein), Sphenoid (Keilbein) und Occiput
(Hinterhauptschuppe) sowie Diaphragma (Zwerchfell) und Schultergürtel
mit den mir zur Verfügung stehenden cranio-sacral-therapeutischen Griffen,
um eine mögliche Blockierung/Unterbrechung des Cranialimpulses zu lokalisieren.
Am sogenannten Kopfgelenk (siehe Anhang 1) und den darunter liegenden Wirbeln
sowie direkt an der Schädelbasis finde ich Kompression bzw. Hyperextension
(cervikal) vor. Auch Membranen (Falx cerebri und Tentorium) sowie Muskeln (tiefliegende
Nackenmuskulatur und der m.sternocleidomastoidus) sind aus meiner Sicht betroffen
(siehe hiezu Anhang 2).
Sandra weint während der Palpation herzzerreißend. Ich fordere die Mutter auf, sich mit einer erlaubenden Haltung ihrer Tochter zuzuwenden und spreche gemeinsam mit Angelika selbst zum Kind: „Oh, sooo weh tut das, sag uns nur, wie weh es tut, wir hören dich, ja....“, und ich leite die Mutter an, einige Wimmerlaute von Sandra mitfühlend „nachzuahmen“: „ ohhh, ähhh!“ und sich auf ihren Atemrhythmus einzustimmen.
Nun wende ich die (sanfte) cranio-sacral-therapeutische Methode
der Läsions-Verstärkung an (Dauer etwa 15 Minuten).
Das heißt, ich „erinnere“ Sandra mit dem zarten Druck meiner
Hände und der von mir angewendeten Methode des „Blickes mit dem
inneren Auge“ an die Entstehung ihrer Blockierung. Mittels konzentrierter
Aufmerksamkeit auf Schädel und Halswirbelsäule, Faszien, Membranen,
Intensität und Amplitude des cranialen Impulses sowie des Zustandes von
Liquorflüssigkeit in den Ventrikeln und innerhalb des „hydraulischen
Membran-Systems“ von Gehirn und Rückenmark erhalte ich, gemäß der
cranio-sacralen Methode, Einblicke in Stationen ihres prä-, peri- und
postnatalen Zustandes.
Auch die Emotionslage des Kindes in diesen Phasen teilt sich mir - und oft
auch der dabeisitzenden Mutter - mit.
In Sandras Fall nehme ich eine Art Erschrecken wahr, das ich als eine mögliche Reaktion auf das für das Ungeborene plötzliche und unerwartete Eintreten der Geburt deute. In meiner Wahrnehmung erlebte Sandra ihre Entbindung als ein „Hinausgeschleudertwerden ins Ungewisse“ unter starkem Druck, ähnlich den Schilderungen der Mutter, explosionsartig und wohl auch schmerzhaft.
(Auch die Mutter dürfte sich von der Geburt überrollt gefühlt haben, immerhin fehlt bei einer künstlichen Einleitung des Geburtsvorganges die spontane und zwischen Mutter und Kind kommunizierte hormonelle Umstellung. Ein Kontaktabriss zwischen Angelika und Sandra hätte, sofern die Bindung vorher vorhanden war, gut vorstellbar an dieser Stelle stattfinden können.)
Zurück zur Behandlung: Noch immer verstärke ich die
vorgefundenen Läsionen bei Sandra mit zartem, aber unbeirrbarem Druck,
bis der Cranialimpuls des Babies vollständig stillsteht (still-point).
Nach einigen Momenten der (cranialen) Regungslosigkeit bemerke ich, wie sich
Sandras Köpfchen unter meinen (nur begleitenden, nicht manipulierenden)
Händen zu regen beginnt. Während Sandra wie von selbst die Bewegungen
nachvollzieht, die sie (so meine Annahme) während des Weges aus dem Geburtskanal
durchlebt hat, merke ich, wie auf cranialer Ebene langsam Entspannung eintritt,
der Cranialimpuls wird wieder deutlich tastbar, die Kompression löst sich.
Von außen betrachtet ist die von mir konstatierte Entspannung noch nicht
wahrnehmbar, Sandra weint und schluchzt. Ich erkläre der Mutter meine
Vermutung, dass Sandra gerade eine vollumfängliche Erinnerung an die Geburt
durchlebt. Doch ich muss nicht viele Worte verlieren, Angelika ist ganz bei
der Sache und nickt zustimmend mit dem Kopf: „Ich sehe es!“
Zum Abschluss positioniere ich meine Handinnenflächen so auf Sandras Köpfchen, als wollte ich den Geburtskanal „nachformen“. Angelika sitzt so, dass Sandras Füßchen sich gegen ihren Oberschenkel stemmen können. Ganz ohne weiteres Zutun windet Sandra sich nun aus dem „Geburtskanal“, als ich Sandras „Antauchen“ verspüre, lasse ich meine Hände langsam entlang des Schultergürtels nach unten gleiten: Sandra ist „geboren“.
„Jetzt bin ich da!“
Nun wickle ich die Kleine sofort in eine Decke und lege sie Angelika in die Arme. Dort weint Sandra nochmals stark auf, die Mutter hält ihr „neugeborenes“ Baby fest, unterstützt das Weinen, hört ihrer kleinen Tochter zu, küsst sie auf Augen und Wangen, lässt ihre eigenen Tränen fließen und sagt: „Jetzt bin ich da!“ Ich sitze daneben und flüstere der Mutter zu, wie wunderbar sie ihr Kind hält, wie schön es sei, dass die kleine Sandra ihrer Mutter nun ihren ganzen Kummer „erzählen“ könne. Angelika weint zwar ebenfalls, hält ihre Tochter aber unbeirrt schützend, bergend und zugewandt im Arm.
Sandra sucht den Blick der Mutter
Nach etwa zehn Minuten beruhigt sich Sandra und sucht mit interessierten Augen und gelöstem Gesichtsausdruck den Blick der Mutter. Diese kann es kaum fassen: „Meine Sandra schaut mich an, zum ersten Mal!“ schluchzt sie glücklich und schaut ihrerseits voll Liebe auf ihre Tochter. So bleiben die beiden nun zwanzig Minuten sitzen, Angelika summt ihrer Kleinen leise Melodien vor, Sandra fallen langsam die Äuglein zu und sie schläft ein. Angelika sitzt gelöst mit ihrer Tochter im Arm im Sessel und strahlt. Nach einem abschließenden Gespräch und Hinweisen für das weitere Vorgehen zu Hause entlasse ich die beiden nach ca. dreieinhalbstündiger Sitzung. Mit zwei Büchern Jirina Prekops unter dem Arm („Hättest Du mich festgehalten“ und „Unruhige Kinder“) verlässt Angelika das Haus.
Als ich die beiden nach sieben Tagen, wie vereinbart, wiedersehe, kommt mir Angelika bereits im Wartezimmer fröhlich entgegen. Sie berichtet mir, dass seit unserem letzten Zusammentreffen eine sofortige und deutliche Entspannung eingetreten sei. Erstens sei Sandra von sich aus weit zufriedener gewesen, und wenn sie geschrien habe, habee sie, Angelika, ihr Schreien ganz anders auffassen und ihr mit Ruhe und Halt begegnen können. Sandra habe sich noch einige Male in der vergangenen Woche - gut festgehalten in ihrem Arm - ausgeweint, sei daraufhin zunehmend fröhlicher, interessierter und vor allem nicht mehr untröstlich. Der starke Speichelfluss sei auffallend zurückgegangen, berichtet Angelika, die Nächte seien ruhiger geworden, auch sie selbst finde nun wieder ausreichend Schlaf. Die Stimmung zu Hause, auch zwischen ihrem Mann und ihr, habe sich verbessert und sie könnten das Zusammensein mit ihrer Tochter nun so richtig genießen.
Bei einer weiteren cranio-sacralen Untersuchung bemerke ich,
daß die Verspannungen des Babies sich deutlich verringert hatten. Neben
einem weiteren Abtasten der Schädelbasis und der Halswirbelsäule
lege ich mein Augenmerk u.a. nun auf die Schädelnähte (Suturen) und
auf jene Knochen des Schädels, die jenseits der Schädelbasis zur „Peripherie“ gehören,
Os Zycomaticus, Temporale, Maxilla, Mandibula etc., beobachte und stimuliere
den Cranialimpuls und „dehne“ die Wirbelsäule durch einen
Griff auf Hinterhauptschuppe und Kreuzbein. Im Anschluss hält Angelika
ihre Tochter in meinem Beisein nochmals fest. Angelika hat an Sicherheit und
Eindeutigkeit gewonnen, sie kann ihre Tochter gut beantworten und hat Freude
an der Nähe zu ihrem Kind. Wir wiederholen unser Zusammentreffen noch
ein weiteres Mal. Sandra entwickelt sich gut, auch das Stillen macht Mutter
und Kind nun Freude. Sandra trinkt ruhig und zügig und in regelmäßigen
Abständen. Angelika hat sich in die festhaltetherapeutische Literatur
gut eingelesen und erklärt von sich aus, dass sie, sobald ihre Tochter
etwas größer sei, gerne mit der ganzen Familie bindungstherapeutisch
arbeiten möchte.
Wir beschließen unsere Zusammenarbeit und vereinbaren, dass sie jederzeit
bei etwaigen Fragen wieder Kontakt aufnehmen könne.
Anhang 1:
Die cranio-sacrale Impulsregulation (auch cs-Osteopathie, cs-Therapie) ist
eine ganzheitliche Methode, die mit Hilfe von subtilen manuellen Techniken
die Selbstregulationskraft des Menschen aktiviert.
DieTechnik baut auf dem sogenannten Cranialimpuls, einer gleichförmigen
Bewegung, auf, die ihren Ursprung im Gehirn hat, auf die Schädelknochen
(Cranium) übertragen und über die Wirbelsäule zum Kreuzbein
(Sacrum) fortgeleitet wird.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt am Knochengerüst (Osteum), indirekt werden
jedoch sämtliche andere Gewebe, Organe, Muskeln, Sehnen etc. erfasst.
Der Cranialimpuls beeinflusst Wachstum und Funktion der Wirbelsäule, gleichzeitig
aber auch die Ausreifung und den Zustand der Organe. Störungen in diesem
System (Pathos=Leiden, Krankheit) können sowohl Fehlhaltungen, oft verbunden
mit Schmerzen, als auch Krankheiten versursachen. Diese können von trainierten
Händen aufgespürt und durch Anregen der Selbstheilungskräfte
korrigiert werden.
Anhang 3:
Atlas (der erste Halswirbel, C1) und Axis (der zweite Halswirbel, C2), bilden
zusammen mit den umgebenden Weichteilen, wie Muskeln, Nerven, Faszien, Blutgefäßen
und der Schädelbasis, das Kopfgelenk. Dieser Bereich ist ein wichtiges
Reflexzentrum, welches auch die Spannung der Haltemuskulatur steuert. Es
bestehen wichtige Verbindungen zum Gehirn (Sehzentrum, Hörzentrum, Gleichgewichtsorgan),
die von diesem Reflexzentrum beeinflusst werden. Die Stellung des Kopfes
im Raum und auch zum Körper wird hier gesteuert.
Atlas und Axis unterscheiden sich im Bau von den übrigen Halswirbeln.
Der Atlas, der den Kopf trägt, besitzt keinen Wirbelkörper. Er ist
nach dem griechischen Gott Atlas, der der Sage nach die Säulen des Himmelsgewölbes
trug, benannt.
Anhang 4:
Ob eine echte Erkrankung vorliegt, kann mittels cranio-sacral-therapeutischer
Behandlung nicht festgestellt werden.
Dazu muss eine differentialdiagnostische Abklärung erfolgen, denn eine
Vielzahl unterschiedlicher Grunderkrankungen kann zu Veränderungen der
kindlichen Halssäulenwirbelregion mit funktionellen, neurologischen oder
kosmetischen Folgeproblemen führen.
Die im Rahmen der Vorstellung zunehmend häufiger geäußerte Verdachtsdiagnose
lautet „KISS-Syndrom“. Unabhängig von der Frage,ob es kopfgelenksinduzierte
Symmetriestörungen überhaupt gibt oder ob hier gesunde Kinder zu behandlungsbedürftigen
Patienten abgestempelt werden, besteht die Notwendigkeit, sinnvoll die weiteren
Schritte in der diagnostischen Kaskade einleiten zu können. Die Bandbreite
möglicher Grunderkrankungen erstreckt sich von Traumafolgen über Entzündungen
und Tumore bis zu Fehlbildungen.
(Aus: „Die Differentialdiagnose des Schiefhalses im Kindesalter“
von Dr. Gregor Schoenecker)
Grundlagen der kindlichen Entwicklung - Frühkindliche Reflexe
von Andrea Jaspert und Anja van Velzen
Herausgegeben
von: „Kinder im Lot" e.V.
Bundesarbeitsgemeinschaft Neurophysiologie & Pädagogik
Beim Rauhen Hause 42 22111 Hamburg, 1997
Assoziiert mit „The Institute for Neuro-Physiological Psychology" (INPP)
4, Stanley Place Chester CH1 2LU England
Jedes Kind ist ein einzigartiges Wesen - trotzdem entwickelt es sich von Anfang an nach bestimmten vorgegebenen Mustern. Die meisten Eltern haben eine Vorstellung von der Entwicklung der kindlichen Organe wahrend der Schwangerschaft. Sie wissen, wann z.B. das Herz zu schlagen beginnt, das Geschlecht festgelegt ist usw.. Die Reifung des Zentralen Nervensystems (ZNS), das die Entwicklung und Funktion dieser Organe steuert, ist den Eltern weniger bekannt. Das ZNS besteht aus dem Gehirn und dem Rückenmark und ist die Zentrale für die Überwachung, Koordinierung und für das Dirigieren aller Lebens- und Körperfunktionen. Außerdem ist es das Bindeglied zwischen allen Körpersystemen, indem es Informationen von einem System zum anderen weiterleitet.
Auch das ZNS entwickelt sich vom Zeitpunkt der Empfängnis an nach einem vorgegebenen Plan. Die Abfolge dieses Reifungsprozesses ist trotz kultureller und individueller Unterschiede für alle gesunden Kinder gleich.
Die frühkindlichen Reflexe spielen im Reifungsprozeß des
ZNS eine zentrale Rolle. Sie entstehen zu festgelegten Zeitpunkten, entwickeln
sich bis zu ihrem Höhepunkt und werden, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt
haben, allmählich gehemmt und kontrolliert. Jede Störung dieser Abfolge
wirkt sich auf die Entstehung, Funktion und Unterdrückung des
nächsten Reflexes aus und beeinträchtigt somit die vollständige
Reifung des ZNS.
Die frühkindlichen Reflexe entwickeln sich im Uterus. Sie initiieren und treiben die Bewegungsentwicklung voran, unterstützen den Geburtsprozeß und bleiben in den ersten Lebensmonaten aktiv. Sie sorgen für das Überleben des Neugeborenen, indem sie es mit unwillkürlichen Reaktionen auf innere oder äußere Reize, z.B. Hunger, Kälte, Angst usw., ausstatten. Zu diesem Zeitpunkt kann es diese Bewegungen nicht kontrollieren. Nach einigen Wochen hat sich das kindliche Gehirn so weiterentwickelt, daß willkürliche Bewegungen möglich werden und die Reflexantworten mehr und mehr kontrolliert werden können.
Wenn die frühkindlichen Reflexe unterdrückt worden sind, bilden sich zunehmend die Halte- und Stellreflexe heraus, die lebenslang fortbestehen. Sie statten das Kind mit grundlegenden Fähigkeiten aus, wie z.B. den Kopf zu heben und ihn aufrecht zu halten, und ermöglichen nach und nach die Entwicklung immer komplexerer Fertigkeiten bis hin zur Beherrschung der Feinmotorik, Koordination, Lesen, Schreiben, Rechnen, usw.
Viele Eigenschaften sowie Stärken und Schwächen eines Kindes werden bereits durch seine Erbanlagen festgelegt. Der Schwangerschaftsverlauf, der Geburtsprozeß und die ersten Lebensmonate können geringfügige genetische Schwachstellen entweder kompensieren oder verstarken.
Da der Embryo bzw. Fötus vollständig durch die Mutter
versorgt wird, ist ihr Gesundheitszustand vor und während der Schwangerschaft
die Grundlage für seine Entwicklung. Der Aspekt der Ernährung ist
dabei ein Hauptfaktor, dessen Einfluß umfassend untersucht worden ist.
Studien in den USA (Pfeiffer, La Mola) zeigen z.B., daß die Versorgung
mit lebenswichtigen Vitaminen und Mineralstoffen nur Bruchteile unterhalb des
Bedarfs liegen muß, um die Reifung des ZNS zu beeinträchtigen. Beischer
und Mackay (1986) untersuchten die Folgen von Fehlbzw. Mangelernährung
für die Fortpflanzung. Ihrer Meinung nach wird durch mangelhafte Ernährung
das Risiko für Fehlgeburten, Blutarmut, Infektionen und ungenügende
Milchproduktion erhöht. Fehlbildungen, geringes Geburtsgewicht, Totgeburt,
Infektionen und neurologische Behinderungen lassen sich ebenfalls darauf zurückführen.
Neuere Studien betonen die wichtigen Zusammenhänge zwischen Ernährung
und optimalem Wachstum des Individuums. Schon geringfügige Abweichungen
von der normalen Entwicklung genügen, um die „neurologische Uhr",
die die Abfolge der neurophysiologischen Entwicklung steuert, von Anfang an
falsch zu stellen.
Die Auswirkungen von Streß während der Schwangerschaft sind noch umstritten. Nach Odent (1990) treten bei Angst und Streß Veränderungen im Stoffwechsel und im Hormonspiegel auf. Die Streßhormone Kortisol und Adrenalin werden vermehrt ausgeschüttet und beeinträchtigen empfindliche Stoffwechselvorgänge. Es gilt als bewiesen, daß sich ein hoher Adrenalinspiegel bei der Mutter auf den Embryo bzw. Fötus überträgt. Ein hoher Streßhormonspiegel im kindlichen System kann die Aktivität früher Reflexe beeinträchtigen.
5-7 Wochen nach der Empfängnis zeigt der Embryo die ersten
erkennbaren Reaktionen auf äußere Reize, die sogenannten Rückzugsreflexe.
Eine Stimulation der Mundregion erzeugt einen reflexbedingten Rückzug
des gesamten Organismus vom Reiz weg. Nach und nach
erweitert sich die Sensibilität auf andere Bereiche des Gesichts, auf
die Handflachen und Fußsohlen, bis schließlich der ganze Körper
berührungsempfindlich wird.
Die Mundregion, die zuallererst eine Reflexreaktion zeigte, bleibt auch wahrend
der ersten Lebenswochen hochsensibel. Such- und Saugreflexe ermöglichen
dem Neugeborenen die Nahrungssuche und -aufnähme und sind deshalb überlebenswichtig.
9-12 Wochen nach der Empfängnis haben sich die Rückzugsreflexe
etabliert und der Moro Reflex bildet sich heraus. Er dient dem Neugeborenen
als "Alarmanlage" und ist die früheste Form einer Flucht- oder
Kampf- Reaktion. Der Reflex kann durch eine plötzliche Lageverände-rung
des Kopfes nach hinten, ein lautes Geräusch, grelles Licht oder eine plötzliche
Bewegung im Gesichtsfeld des Kindes ausgelöst werden. Die unwillkürliche
Reaktion darauf ist eine reflexive Streckung der Arme und Beine nach außen,
ein Öffnen der Hände und ein schnelles, tiefes Einatmen. Nach einem
Moment der Erstarrung werden die Arme vor dem Körper zusammengebracht
und der Atem löst sich häufig in einem Schrei. Moro (1918) bezeichnete
dieses Bewegungsmuster auch als "Umklammerungs- oder Greifreflex",
in Anlehnung an die Reaktion von Affenbabys, die sich bei Gefahr an das Fell
der Mutter klammern. Die "Flucht- oder Kampf- Reaktion aktiviert das sympati-sche
Nervensystem: Der Blutdruck steigt, Herzschlag und Atemfrequenz erhöhen
sich, Adrenalin und Kortisol werden ausgeschüttet. Alle Systeme schalten
automatisch auf Notfall - unabhängig davon, ob die Gefahr real ist oder
nicht. Zu diesem Zeitpunkt hat das Baby noch keine Möglichkeit, die Quelle
der Bedrohung zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.
Abb. 1: Moro Reflex
Nach dem 3. Lebensmonat sollte die Moro-Reaktion durch den differenzierteren Erwachsenen - Schreckreflex abgelöst werden und dem Körpersystem nur noch in extrem gefährlichen Situationen zur Verfügung stehen. Wird der Moro Reflex nicht rechtzeitig gehemmt, bleibt das Kind für bestimmte äußere und innere Reize überempfindlich. Geräusche, Licht, schnelle Bewegungen und/ oder Lageveränderungen können es unter großen Streß setzen. Das sympatische Nervensystem wird standig beansprucht, um eine schnelle Reaktion auf die vermeintliche Bedrohung zu ermöglichen. Der Blutzuckerspiegel steigt an, was langfristig dazu führt, daß die Blutzuckerreserven schneller aufgebraucht sind. Diese körperlichen Streßreaktionen führen dazu, daß das Kind weniger Ausdauer und eine kürzere Konzentrationsspanne hat. Goddard (1996) führt aus, daß sich Kinder mit fortbestehendem Moro Reflex häufig in einem Zustand von Überangstlichkeit und übermäßiger Wachsamkeit befinden. Sie haben Schwierigkeiten damit, innere und äußere Reize zu filtern und einzuordnen und sind deshalb schnell überladen.
Fallbeispiel für ein Kind mit einem persistierenden Moro Reflex
Anna (10) ist ein hübsches, hochintelligentes Mädchen - sehr schlank, ernst und distanziert.
Anna hat seit Beginn ihrer Schulzeit erhebliche Probleme und
verweigert inzwischen jegliche Leistung. Ihre Familie leidet unter ihren taglichen
Wutausbrüchen und ihrer Verschlossenheit. Die Mutter berichtet, daß Anna
ein äußerst unruhiges, forderndes und anstrengendes Baby gewesen
sei. Schon damals hatte sie regelmäßig Schreianfälle, bei denen
sie sich nicht beruhigen ließ, und die durch Körperkontakt und Streicheln
eher heftiger wurden. Nach diesen Ausbrüchen war Baby Anna wie ausgewechselt
- entspannt, freundlich, ausgeglichen. Aber an jedem neuen Tag baute sich wie
ein Gewitter die Spannung wieder auf, die gegen Abend entladen werden mußte.
Die Mutter lernte, sich auf Annas Auffälligkeiten einzustellen, und hatte
früh das Gefühl, die kleine Tochter auf besondere Weise schützen
zu müssen.
Anna schien überempfindlich zu sein gegenüber Geräuschen, hellem
Licht, Gerüchen, aber auch gegenüber jedem Wechsel, jeder Veränderung
in ihrer Umgebung und ihrem Tagesablauf Sie hatte Angst vor Tieren, Gewitter,
Dunkelheit, Wasser, entwickelte Abneigungen und Unverträglichkeiten gegen
bestimmte Lebensmittel, reagierte auf Streß mit Hautausschlägen.
Sie spielte ungern mit anderen Kindern und mied den Spielplatz.
Zuhause konnte sie sich ausdauernd und äußerst phantasievoll beschäftigen.
Sie sprach sehr früh und eloquent und machte auf "externe" Erwachsene
einen altklugen, etwas arroganten Eindruck. Die Schwierigkeiten begannen mit
Eintritt in den Kindergarten. Anna wollte sich nicht eingewöhnen, die
Erzieherinnen mußten das schreiende Kind festhalten, bis die Mutter gegangen
war. Anschließend setzte sie sich in eine Ecke auf den Boden und beobachtete
stumm und reglos das Geschehen. Nach zwei Wochen nahm die Mutter sie aus dem
Kindergarten heraus und stieß überall auf Unverständnis. Man
warf ihr überbehütendes Verhalten, Erziehungsfehler, mangelnde Konsequenz
vor.
Schon früh entwickelte Anna Ängste vor der Schule,
obwohl sie bereits mit fünf Jahren lesen und schreiben konnte. Ihrer sehr
verständnisvollen Lehrerin gelang es zunächst, sie behutsam einzugliedern.
Dennoch scheiterte Anna, weit sie einerseits intellektuell unterfordert und
andererseits emotional hoffnungslos überfordert war. Jeder einzelne Schulvormittag
mit seiner ständigen Geräuschkulisse, dem quirligen Gewusel der anderen
Kinder, dem Neonlicht, dem Wechsel von Lehrern und Unterrichtsmethoden erschöpfte
sie vollständig. Sie kann sich nur schwer konzentrieren, ermüdet
rasch, der Sporfun-terricht ängstigt sie, sie leidet unter dem Spott der
Klassenkameraden, ist schnell eingeschnappt und bricht häufig in Tränen
aus. Zuhause ist sie entweder tyrannisch und aggressiv oder unzugänglich
und deprimiert.
Der Tonische Labyrinth Reflex (TLR) erscheint um die 12. Schwangerschaftswoche.
Er ermöglicht dem Kind die erste Auseinandersetzung mit der Schwerkraft
und bildet mit seiner Verbindung zum vestibu-lären System (Gleichgewichtsorgan)
die Grundlage für das kindliche Gleichgewicht. Auch für die Geburt
spielt er eine wichtige Rolle. Über das Gleichgewichtsorgan, das als einziges
sensorisches System schon vor der Geburt ausgereift ist, erfahrt der Fötus
seine Lage im Raum, weiß also, wo der Weg "nach draußen" ist.
Indem es sich vor der Geburt so dreht, daß sein Kopf im Becken der Mutter
sitzt, schafft er die optimale Ausgangslage für seine Geburt. So kann
eine Beckenendoder Querlage schon ein Symptom für Störungen im vestibulären
System sein. Außerdem wirkt der TLR unterstützend beim Eintritt
in den Geburtskanal.
Der TLR manifestiert sich in zwei unterschiedlichen Haltungen: Der TLR vorwärts
wird ausgelöst, wenn der Kopf des Babys über die Mittellinie hinaus
nach vorne gebeugt wird. Als Reaktion beugen sich die Arme und Beine. Der TLR
rückwärts wird aktiviert, wenn sich der Kopf unterhalb der Mittellinie
nach hinten bewegt. Das Kind reagiert hierauf mit einer Streckung der Arme
und Beine. Die Präsenz des TLR hat in den ersten Lebenswochen einen tonisie-renden
Einfluß auf die Muskelspannung im ganzen Körper und balanciert die
Spannung zwischen Beuge- und Streckmuskeln aus. Zunächst reagiert der
Körper mit starker Beugung und Streckung. In dem Maße, wie das Kind
lernt, den Reflex zu kontrollieren, verfeinern sich seine Bewegungen. Das Gleichgewicht
und die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum werden trainiert.
Der TLR vorwärts sollte bis zum 4. Lebensmonat überwunden und durch
die Kopfstellreflexe abgelöst werden.

Abb. 2: TLR vorwärts
Der TLR rückwärts wird ab dem 3. Lebensmonat in den
Landau Reflex, den Symmetrischen Tonischen Nackenreflex (STNR) und in die
Kopfstellreflexe umgewandelt. Dies ist ein,stufenweiser Prozeß, der bis
zum Ende des dritten Lebensjahres dauern kann. Wird der TLR nicht zum richtigen
Zeitpunkt gehemmt, so wird er die Gleichgewichtsentwicklung empfindlich stören.
Betroffene Kinder können Schwierigkeiten im Umgang mit Raum, Zeit, Entfernung
und Eigenwahrnehmung haben. Jede Bewegung des Kopfes nach vorne oder hinten
führt zu einer reflexiven Beugung oder Streckung der Beinmuskulatur.
Schlaffe Kinder, die sich auffällig langsam und träge bewegen, haben
häufig einen fortbestehenden TLR vorwärts, sehr steife Kinder mit
unbeholfenen und manchmal abgehackten Bewegungen dagegen den TLR rückwärts.

Abb. 3: TLR rückwärts
Fallbeispiel für ein Kind mit einem persistierenden TLR
Tim (9) ist ein untersetzter Junge - gutmütig, freundlich und bedächtig.
Er bewegt sich auffallend langsam, spricht leise, undeutlich und etwas monoton.
In der Schule ist er sehr beliebt, aber leistungsschwach. Vor kurzer Zeit erst
wurde festgestellt, daß Tim so gut wie gar nicht lesen kann, dafür
scheint er eine phänomenale Begabung darin gehabt zu haben, ganze Passagen
nach dem Gehör auswendig zu lernen und anhand von Bildern und rudimentären
Lesefähigkeiten den Unterrichtsinhalten zu folgen. In Mathematik macht
er sogenannte "dumme" Fehler, er vertauscht Zahlen, schreibt Einer
und Hunderter nicht korrekt untereinander. Seine Lehrer sind oft ratlos, wie
sie ihn beurteilen sollen. Seine Eltern sind am Rande der Verzweiflung über
Tims "Schlampigkeit" Sein Zimmer ist ein Schlachtfeld ohne irgendein
erkennbares Ordnungssystem, er hält Zeiten und Absprachen nicht ein, dauernd
geht ihm etwas kaputt, er vergißt Hausaufgaben, verliert Schulbücher.
Als Baby war er schlaff und "bewegungsfaul" und bekam aufgrund seiner Hypotonie schon früh Krankengymnastik, die allerdings nur mit großem Aufwand und gegen seinen massiven Widerstand durchgeführt werden konnte. Er schlief sehr schlecht ein: 'Am besten auf dem Arm getragen und kräftig gerüttelt und geschüttelt oder im Kinderwagen in unendlichen Runden ums Viertel... ", erzählt die Mutter. Er krabbelte ungern und kurz und lernte spät laufen und sprechen. Tim war ständig in Unfälle aller Art verwickelt, er fiel häufig hin, war ungeschickt und tolpatschig, zerbrach Gegenstände und Spielzeug oder ließ sie fallen. Er ißt bis heute mit großem Appetit, kleckert und verschüttet Essen und Trinken jedoch wie ein Kleinkind. Wenn der Streß zunimmt, leidet er unter Schwindel und Übelkeit, und er ist regelmäßig reisekrank.
Mit seiner offenen, verträglichen Art hat Tim einen großen Freundeskreis, von seinen Gefühlen der Unsicherheit und Unzulänglichkeit wegen der mangelhaften Schulleistungen wissen nur seine Eltern.
Im zweiten Schwangerschaftsdrittel beginnt die Mutter, die Aktivität ihres Babys zu spüren. Einige dieser Bewegungen sind Reaktionen auf einen weiteren frühkindlichen Reflex - den Asymmetrischen Tonischen Nackenreflex (ATNR). Er erscheint um die 16. Schwangerschaftswoche und sollte bis zum 6. Lebensmonat gehemmt und kontrolliert sein.
Der ATNR wird durch eine Drehung des Kopfes zu einer Seite ausgelöst.
Die Gliedmaßen auf der Seite, zu der der Kopf gedreht wird, strecken
sich, wahrend sie sich auf der Hinterhauptseite beugen.

Abb. 4: ATNR
Im Uterus werden mit diesem Reaktionsmuster asymmetrische Bewegungen eingeübt. Dies hat wie der TLR einen tonisierenden Effekt auf die Muskulatur - jedoch nur auf einer Körperseite - und stimuliert das Gleichgewicht.
Der ATNR hat wie der TLR eine wichtige Funktion bei der Geburt und sollte zu diesem Zeitpunkt auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung sein. Er hilft dem Kind, sich im Rhythmus der mütterlichen Wehen durch den Geburtskanal zu "schrauben". Hebammen wissen um die Wirkung des ATNR und nutzen ihn, indem sie das gerade geborene Köpfchen schnell von einer Seite zur anderen drehen und damit die Geburt der Schultern und des Rumpfes beschleunigen.
In den ersten sechs Lebensmonaten hat der ATNR folgende wichtige
Funktionen:
Die Kopfdrehung zur Seite und die reflexive Streckung des Armes kann als erste
Augen-Handkoordination gelten (DeMyer 1980). Sie erweitert das Blickfeld des
Babys ganz allmählich von einer Distanz von ca. 12-15 cm bei der Geburt
bis auf Armeslange und darüber hinaus. Zu diesem Zeitpunkt werden Kopf,
Augen und Arm als Einheit zur Seite bewegt. Erst wenn sich dieses Muster um
den 6. Lebensmonat aufzulösen beginnt, kann das Kind Gegenstande, die
es in Rückenlage neben sich erblickt, ergreifen und zur Körpermittellinie
bringen, um sie taktil und visuell zu untersuchen. Der ATNR erleichtert dem
Baby außerdem die Atmung in Bauchlage.
Bleibt der ATNR über den normalen Zeitpunkt hinaus bestehen, stört
er die nachfolgende Bewegungs- und Sinnesentwicklung. Das betroffene Kind wird
Schwierigkeiten haben, im Kreuzmuster auf dem Bauch zu kriechen und auf Händen
und Knien zu krabbeln. Beide Bewegungsmuster sind entscheidend für die
Verfeinerung der Augen-Handkoordination, des Gleichgewichts, der flexiblen
Einstellung der Augen von Nah- auf Fernsicht und umgekehrt. Ein fortbestehender
ATNR stört die Etablierung einer eindeutigen Seitigkeit (Gesell & Arnes
1947). Die Versteifung bzw. Anspannung einer Körperseite führt dazu,
daß sich betroffene Kinder häufig unkoordiniert und unbeholfen bewegen.
Fallbeispiel für ein Kind mit einem persistierenden ATNR
Benni (12) ist groß und kräftig. Er wirkt zurückhaltend und gehemmt Seine Mutter berichtet, daß er sehr unter seinen Schulschwierigkeiten leidet. Tests bei der Schulpsychologin ergaben eine gute Intelligenz, trotzdem berechtigen Ihn seine Zeugnisse nur zu einem Besuch der Hauptschule. "Er gibt sich solche Mühe", erzählt die Mutter. "Er sitzt stundenlang an seinen Hausaufgaben und hat dann oft keine Kraft mehr für Freundschaften oder Hobbys"
Benni isoliert sich zusehends. "Es ist, als ob er aufgegeben
hat", sagt ¦ die Mutter. Er hat regelmäßig Kopfschmerzen
und scheint trotz der Brille nicht gut zu sehen.
Als Benni klein war, hatte seine Mutter oft das Gefühl, er werde durch
irgend etwas daran gehindert, sich wie andere Babys zu bewegen und zu beschäftigen.
Er spielte viel weniger mit seinen Händen, griff nicht nach Spielzeug,
war angespannt und unzufrieden und weinte viel. Jeder neue Schritt in seiner
Bewegungsentwicklung war mit großem Streß verbunden: Benni krabbelte
spät und ungern, er ließ sich mit dem Laufenlernen viel Zeit und
lief dann sehr unbeholfen und steif, fiel oft und schmerzhaft hin, was seine
Unsicherheit verstärkte. Da er sehr schnell wuchs, hatte er schon in der
Grundschulzeit häufig Rücken und Knieschmerzen.
Im Sport ist er unsicher und gehemmt, fürchtet das Urteil der Kameraden. Er schreibt immer noch so langsam und mühsam wie ein Schulanfänger, wobei er den Stift stark aufdrückt und oft Schreibkrämpfe bekommt. Er macht zahlreiche Fehler, selbst beim Abschreiben, im Ausdruck ist er unbeholfen. Benni hat große Wissenstücken, er liest höchst ungern und nur, wenn es sich nicht vermeiden läßt.
Der Spinale Galant Reflex erscheint etwa in der 18. Schwangerschaftswoche.
Er laßt sich an den zappelnden Bewegungen erkennen, die die Mutter in
der 2. Hälfte der Schwangerschaft spürt. Wird der Fötus im Bereich
der Lendenwirbelsaule stimuliert, löst dieser Reflex eine Hüftdrehung
nach aufien von bis zu 45 Grad aus.

Abb. 5: Spinaler Galant Reflex
Über die Funktionen des Spinalen Galant Reflexes ist wenig
bekannt. Man geht davon aus, daß er eine aktive Rolle im Geburtsprozeß spielt.
Die Wehenkontraktionen der Mutter stimulieren die Beckenregion des Kindes und
lösen die Reflexreaktion aus. Indem es seine Hüften zur Seite bewegt,
schlangelt es sich durch den Geburtskanal hindurch. Der Spinale Galant Reflex
sollte zwischen dem 3.- 9. Lebensmonat unterdrückt werden. Kinder, bei
denen er darüberhinaus aktiv ist, bleiben im Lendenwirbelbereich äußerst
empfindlich. Oft lehnen sie deshalb enge Kleidung oder Gürtel ab, da sie
schon ausreichen können, um den Beckenbereich zu stimulieren und die Reflexantwort
hervorzurufen. Diese Kinder sind oft die "Zappelphilippe" im Klassenraum,
die motorisch unruhig sind und nie stillsitzen können.
Fallbeispiel für ein Kind mit einem persistierenden
Spinalen Galant Reflex
Roberto (8) ist ein kleiner zarter Junge, der angespannt und unruhig wirkt. Im Kontakt ist er ausweichend und leicht abgelenkt. Er ist der jüngste von mehreren Geschwistern. Seine Mutter, eine Frau an die Fünfzig, wirkt sehr erschöpft und berichtet, daß sie Roberto nicht mehr "im Griff" habe.
Schon als Baby war er außerordentlich lebhaft und quirlig,
konnte nicht allein sein, wollte immer herumgetragen und unterhalten werden.
Er war einerseits oft quengelig und launisch, anderseits bezauberte er die
Familie mit seiner Lebendigkeit und seinem Charme. Schwieriger wurde es, als
er etwa zwei Jahre alt war. Er aß und schlief schlecht, war ständig
in Bewegung, kletterte und krabbelte auf Möbel, Schränke, Mauern,
Bäume und Gerüste, war immer wieder verschwunden, konnte sich keine
fünf Minuten ruhig mit einem Spiel beschäftigen. Er haßte es,
angezogen zu werden, trug mit drei Jahren noch Windeln und näßte
bis zum Schuleintritt regelmäßig nachts ein. Obwohl er eine schnelle
Auffassungsgabe besitzt, ist Tim ein schlechter Schüler. Seine Aufgaben
erledigt er flüchtig und fehlerhaft oder gar nicht. Die größte
Zumutung ist es für ihn stillzusitzen - beim Essen, im Klassenraum, Zuhause
am Schreibtisch, bei längeren Autofahrten. Er ist ein guter Sportler,
herausragend in Leichtathletik, hat aber eine eher schwache Konstitution und
wenig Ausdauer. Bei seinen Schulkameraden gilt er als Klassenclown und Stimmungskanone,
aber auch als unzuverlässig und schwankend in seinen Gefühlen und
Vorlieben.
Er braucht ständig "etwas Neues", sonst ist er schlecht gelaunt
und wird rast- und ruhelos.
Diese Einführung war ein erster Blick in die Welt frühkindlicher
Reflexe. Neben den hier beschriebenen Wirkungen können fortbestehende
Reflexe auch das schulische Lernen und das kindliche Verhalten beeinflussen.
Literaturhinweise:
Beischer, N.A., Mackay, E.V. (1986), Obstetrics and the Newborn Baillere Tindall
DeMyer, W. (1980), Technique of the Neurological Examination Mc Graw-Hill Book
Company
Gesell, A. & Arnes, L. (1947), The Development of Handedness
Journal of Genetic Psychology, 70, 1947, pp. 155-175
Goddard, S. (1996), Developmental Milestones: A blueprint for survival aus:
A teacher's Window into the child's mind Eugene, Oregon, Fern Ridge Press
Weiterführende Informationen und Publikationen der Schriftenreihe Neurophysioiogie
und Pädagogik sind bei „Kinder im Lot" e.V. Bundesarbeitsgemeinschaft
Neurophysioiogie & Pädagogik erhältlich.„ Kinder im Lot" e.V.
Bundesarbeitsgemeinschaft Neuropsychoiogie und Pädagogik, Beim Rauhen
Hause 42, 22111 Hamburg, Tel./Fax: 040 / 651 53 24
Odent, M. (1990), Water and Sexuality
Penguin Group, 27 Wrights Lane, London W8 5 TZ
Pfeiffer, C. C. & La Mola, S.
Zinc and Manganese in the Schizophrenias Journal of Orthomolecular Psychiatry
Vol. 1 2, No. 3
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Titelthema Mythos Mutter
Die Crux
eines Mythos
Es erstaunt immer wieder, wie flexibel die Mutter-Kind-Bindung auf sich ändernde Lebensbedingungen reagiert. Doch ist nicht das Leitsymptom in unserer Kultur die Bindungslosigkeit geworden? Die Frage schließt sich an: Was können Hebammen gegen dieses Defizit tun?
Im Getöse der Ideologien wurde kaum ein Wort so zerbissen und zerschunden wie das Wort Mutter. Von der preußischen Heldenmutter über das nationalsozialistische Mutterkreuz bis zum Mamatschi-Kitsch blieb dem schönen Wort nichts erspart. Schließlich vermied man es ganz und legte dem Kind einen unverfänglichen Vornamen ans Herz. Die Rede vom „Mythos Mutter“ wird seither immer populärer. Der Begriff Mutter wird damit aber ins Unwirkliche, Realitätsferne verlegt. Erst Idealisierung dann Relativierung und Abwertung, jede Mutter kann ihr Lied davon singen.
Leitsymptom Bindungslosigkeit?
In dreizehn Jahren Beratungspraxis hatte ich viel Gelegenheit, Biografien von Müttern zu studieren. Besonders lehrreich war es, wenn ich Großmutter, Mutter und Tochter befragen konnte, Lebensgeschichten von Jahrgang 1914 bis 1974, drei Frauengenerationen aufs engste verbunden. Das Jahrhundert der Weltkriegskatastrophen hat in Vätern, Müttern und Kindern unauslöschliche traumatische Bilder und Erfahrungen hinterlassen, das ist hinlänglich bekannt. Wie sehr auch Vorstellungen, Glaubenssysteme und Einstellungen das Erleben der Wirklichkeit, das Handeln, die Erfahrung, das Lernen einer Generation beeinflussen, wurde mir erst durch die Arbeit mit den Frauen bewusst.
Bis ins 18. Jahrhundert war die Mutter-Kind-Bindung wesentlich durch die jeweiligen Überlebensbedingungen bestimmt, war sie weitgehend „Privatsache“. Familien, Väter, Mütter und Kinder wurden erst im Zeitalter der modernen Staaten und ihrer Ideologien ins Zentrum öffentlichen Interesses gerückt. Ideologien greifen immer nach der jüngsten Generation, um langfristig erfolgreich sein zu können. Naturgemäß geraten auch die Mütter schnell ins Fadenkreuz der jeweiligen Doktrin. Nazi- und SED-Regime liefern in der deutschen Geschichte die schlimmeren Beispiele für diese Wahrheit.
Wie schnell tradierte Handlungsschemata durch Ideologie oder „Zeitgeist“ verdrängt werden, konnte ich, vergleichsweise harmlos, in Mexiko erleben. Dort beobachtete ich 1991, dass die meisten Mütter ihre Babys im Arm tragen und mit Tüchern oder Decken vor fremden Blicken abschirmen. Bei einer neuerlichen Reise 2001 sah ich fast nur Kinder in offenen Kinderwagen oder ungeschützt baumelnd in „Kängurutragen“. Auf Nachfrage sagte man mir lachend, es sei altmodischer Aberglaube gewesen, die Kinder zum Schutz vor Bösem immer am Körper zu tragen und abzudecken. Moderne Frauen benutzten jetzt lieber praktische Kinderwagen. Überhaupt richte man sich mehr und mehr nach dem Beispiel amerikanischer Frauen. Innerhalb von nur zehn Jahren war eine tradierte Technik der Säuglingsbetreuung verloren gegangen. Aus den letzten Jahrzehnten kennen wir unzählige Vorgänge dieser Art in unserer eigenen Kultur.
Die Mutter-Kind-Bindung ist erstaunlich kompensationsfähig und flexibel in der Anpassung an veränderte Lebensbedingungen. Angesichts der Steigerung von Partnerunzufriedenheit, Symptombelastung bei Erwachsenen und Kindern, der Trennungshäufigkeit und Lebensunzufriedenheit der Eltern müssen wir uns fragen, ob wir nach dem Zeitalter der Ideologien und ihrer Konstrukte nicht doch ein Limit erreicht haben. Ist nicht das Leitsymptom in unserer Kultur die Bindungslosigkeit? Hält die conditio humana die kulturelle Veränderungsgeschwindigkeit noch aus? Hält der vernunftbegabte Primat Mensch die Höhenflüge seiner Ideen körperlich und seelisch noch aus? Wenn man Mütter und kleine Kinder beobachtet, also die empfindlichste und vulnerabelste Gruppe in der Gesellschaft, ist der Befund klar.
Kriterium Bindungssicherheit
Glücklicherweise haben wir heute überzeugende Ergebnisse aus der Bindungs- und Psychotherapieforschung. Traumaforschung hilft uns die Langlebigkeit schwerer Verwundungen zu erkennen und zu heilen - dabei ist die Traumatherapie gerade selbst in Gefahr zu einer beherrschenden Doktrin zu werden.
Es ist bewiesen, dass Bindungssicherheit und die Befriedigung der Grundbedürfnisse Bindung, Nähe und Geborgenheit, körperliches Wohlbehagen, Autonomie, Selbstwert, Identität, Sinn und Spiritualität mit körperlicher und seelischer Gesundheit korrelieren. Das erlaubt die schlichte Schlussfolgerung, dass es sowohl für das Individuum als auch für die Gemeinschaft sinnvoll und nützlich ist, wenn möglichst viele Bereiche des Zusammenlebens nach den Kriterien für Bindungssicherheit, Befriedigung von Grundbedürfnissen und Ich-Struktur-Stärkung gestaltet werden. Welche Schlüsse können wir aus dem Gesagten ziehen?
Unbewusst und kompensiert
Zunächst müssen wir uns bewusst werden, dass das Jahrhundert der Kriegs- und Nachkriegszeiten mit seinen traumatischen Erfahrungen und Bindungsschäden in einer großen Zahl von Familien noch nicht ausreichend verarbeitet ist. Bindungsschäden werden „verunbewusstet“ und kompensiert. Viel zu oft wird aus alter Not eine neue Tugend. Sofern es nicht zur Heilung durch korrigierende Neuerfahrungen mit sicheren Bindungspartnern, eigenen Kindern, Seelsorgern oder Psychotherapeuten kommt, werden Bindungsdefizite unweigerlich an die nächste Generation weitergegeben. Erfahrungen des Scheiterns, Trennungen, Verlustangst können frühkindliche Verlusterlebnisse im Sinne einer Trauma-Aktualisierung reaktivieren und die Person in konkreten bindungsrelevanten Situationen handlungsunfähig machen (Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt, Verlassenheitsgefühle der Mutter unter der Geburt, mangelnde soziale Unterstützung und mangelnde Befriedigung der Grundbedürfnisse während der sensiblen Phase des Bindungsaufbaus zwischen Mutter und Neugeborenem können zu Auslösern werden).
In der Geburtshilfe muss man auf das Auftauchen historischer (Bindungs-)Traumata – jenseits des aktuellen Geburtsgeschehens – gefasst sein. Hinweise können Wehenhemmung, plötzliches Weinen oder Verstummen sein. Es spricht viel dafür, dass Komplikationen bei der Geburt der Mutter das Auftreten von Geburtskomplikationen bei der nun Gebärenden sehr wahrscheinlich machen. Ich habe in überdurchschnittlich vielen Mehrgenerationen-Anamnesen diesen Zusammenhang gesehen. Ganz gleich, ob nun eine Gebärende eine traumatische Geburt oder die Aktualisierung eines früheren Traumas erlebt, sie braucht die entsprechende Unterstützung. Ich bin sicher, dass in vielen Fällen die gefürchtete Kindbettdepression bei rechtzeitiger Kenntnis und Hilfe vermeidbar wäre.
Crux
Geburtshelfer sollten sich der eigenen Bindungsverletzungen bewusst sein, damit sie nicht unbewusst kompensatorisches oder vermeidendes Verhalten bei Müttern unterstützen oder gar initiieren – besonders brisant und folgenreich bei Erstgebärenden. Negative, verunsichernde oder sogar destruktive Botschaften, die aus den negativen Bindungserfahrungen der Familie des Helfers stammen (negative Introjekte) können unbewusst und ungewollt in die Kommunikation mit der Gebärenden oder jungen Mutter einfließen und bei ihr sehr tief ankern. Halbbewusste Antipathie und negative Gedanken sollten ausgesprochen und reflektiert werden können in geburtshilflichen Teams. Helfer, ebenso wie Mütter, neigen dazu, aversive Gefühle negativ zu bewerten, sie zu verdrängen, zu verleugnen, statt sie reflektierend zu bearbeiten. Das schadet.
Jede (Selbst-)Idealisierung birgt Leugnung und Verdrängung in sich. Es gibt die „gute Mutter“ als Teil der Persönlichkeit und es steht uns frei, diesen Anteil zu schulen. „Mutter“ wird man nicht durch „gebären“ allein. Mutter wird man durch die Bindung an das Kind, durch feinfühliges Mutter-Sein. Vielleicht fehlt wirklich eine Unterscheidung: Meinen wir mit „Mutter“ den terminus technicus für „kompetente Betreuung kleiner Kinder“, oder meinen wir eine schicksalhafte Bindung mit mehr oder weniger Liebe? Und da ist schon die Crux des „Mythos Mutter“. Die Qualität „Mutter Sein“ lässt sich in ganzer Fülle kaum objektivieren, nicht quantifizieren. Es darf kein Tabu sein, offen über das Versagen der Mütterlichkeit, der Bemutterung zu sprechen. Der Begriff „Muttermangel“ (mother deficiency) stammt von René Spitz, einem der ersten Mutter-Kind-Forscher. Die Konsequenzen für Kinder können so tief greifend und schicksalhaft sein, wir dürfen der Tatsache nicht ausweichen.
Seien wir also froh über das Wissen unserer Zeit: Sichere Bindung und Befriedigung der Grundbedürfnisse, feinfühlige Resonanz auf den Entwicklungsstand des Kindes - da haben wir immerhin zuverlässige Maßstäbe. Auch die Bedeutung moderner Geburtshilfe liegt nicht mehr nur darin, die physische Geburt technisch zu sichern. ÄrztInnen und Hebammen müssen sich lege artis heutzutage auch ihrer Verantwortung für die „psychische Geburt“ (M. Mahler) von Mutter und Kind bewusst sein.
Orientiert an Grundbedürfnissen
Es sollte nach der Geburt genügend Zeit sein, dass Mutter und Kind sich körperlich entspannen und einander wahrnehmen können. Die bindungsunsichere Mutter braucht deutlich mehr Zeit und Unterstützung bis sie das Kind wirklich gesehen hat. Gerade Erstgebärende brauchen viel feinfühlige Begleitung in der Phase, die ich in Analogie zum Prägeprozess bei Tieren als „Kälbchenlecken“ bezeichne.
Die Theorie der Prägung bei Menschen wurde von Niko Tinbergen (Ethologe) ins Gespräch gebracht. Sie gilt als wissenschaftlich unbelegt, aber aus dem Erfahrungswissen von Müttern und Hebammen spricht vieles dafür. Es wäre eine lohnende Untersuchungsaufgabe für Bindungsforscher, ob die Beobachtung, dass die erste „Verliebtheit“ zwischen Mutter und Kind mit dem Aufbau eines sicheren Bindungsstils korreliert, zutreffend ist.
Die gesamte Kindbettpflege und Begleitung von Mutter und Kind sollte bindungs- und grundbedürfnisorientiert stattfinden. Erstgebärende, sehr junge Frauen, Alleinstehende und Frauen mit belasteten Schwangerschaften brauchen besondere Zuwendung. In dieser Schlüsselphase für den Bindungsaufbau haben Hebammen eine zentrale Rolle und können entscheidend zur Prävention von Verunsicherungen der Bindung beitragen. Die moderne Bindungsforschung sollte unbedingt Gegenstand von Lehre und Fortbildung für Hebammen, GynäkologInnen und Kinderärzte sein. Es ist schwer zu verstehen, dass diese anerkannte Wissenschaft in schulmedizinischen Kontexten so wenig Beachtung findet.
Also, wir haben es in der Hand. Wir wissen heute genug, um historische Altlasten abzutragen und Ideologien zu begraben. Die Erneuerung unserer Bindungsfähigkeit darf nicht nur ein Ziel für PatientInnen und KlientInnen sein. Das geht uns alle an. Frauen wie Männer, Mütter wie Väter.
Dieser Artikel erschien 2005 in der Deutschen Hebammenzeitung DHZ
Ein schwieriger Prozeß
Ablösung von einem behinderten Kind
von Astrild Bierling
Ich habe zwei Töchter, Martina die Ältere ist 37 Jahre alt und geistig behindert. Sie lebt seit ihrem 12. Lebensjahr in Schönbrunn (einer Betreuungseinrichtung in Bayern, Anm. d. Red.) Ulrike die Jüngere ist 32 Jahre alt, verheiratet und ich bin Oma von zwei reizenden Enkeln 4,5 und 1,2 Jahren.
Der normale Ablösungsprozess des Kindes von der Mutter geht stark von der „fortlaufenden Entwicklung“ des Kindes aus. Durch die Sättigung an Körper, Geist und Seele in der gesunden Symbiose während der Schwangerschaft, Säuglingszeit und Kleinkindphase wird das Kind autonom und strebt, besonders in der Trotzphase nach Autonomie und Eigenständigkeit. Das Kind setzt sich durch und „beweist“ den Eltern, der Mutter „ich kann schon ..., ich will selber...,“ usw. Die Mutter ist auch satt „vom Kind umsorgen“ und wird normalerweise diese gesunde Autonomie zulassen und unterstützen.
Behält doch jede gesunde Beziehung weiterhin Rituale und Traditionen, in der das Kind die Nähe der Mutter ( Eltern) auch wieder aufsucht und genießen darf. Dieses gesunde Hin und Weg, zum Üben der Autonomie weggehen und zur Schutzsuche und zur Beruhigung wieder in die Nähe gehen. Dieser Rhythmus verändert sich automatisch durch die „fortlaufende Entwicklung“ des Kindes anhand seines Alters, bis es in der Pupertät deutlich zeigt „jetzt brauche ich euch Eltern nicht mehr, jetzt weiß ich alles und geh meinen Weg".
Kluge Eltern begleiten den Jugendlichen bis ins Erwachsenenalter, bis hin zur Großelternschaft in sich immer neu verändernden Strukturen. Das ist gut so, gesund, normal, sehr bereichernd und für alle wachstums- und entwicklungsfördernd.
Bei einem behinderten Kind ist alles anders. Der naturgemäße Prozess der Ablösung ist oft überlagert durch Schock, Schmerz, Trauer, Wut, Aggression, Enttäuschung, Hoffnung, Wünsche und Erwartungen. Das Kind bekommt oft nicht die Nähe die es eigentlich braucht und hat ebensowenig die Möglichkeit autonome Bereiche zu erobern. Denn für die Mutter eines behinderten Kindes ist es sehr schwierig zu erkennen, was das Kind zu welchem Zeitpunkt zuverlässig braucht. Keiner von beiden ist in der Symbiose satt geworden. Weder die Mutter durch das Kind, bei der das Gefühl bleibt „es braucht noch mehr“, noch das Kind durch die Mutter, weil oft die kindlichen Grundbedürfnisse nicht richtig, nicht wirklich befriedigt worden sind. Freude, Glück, Vorwärtsstreben, sich genießen, hat zwar nicht ganz gefehlt, aber Sorge, Enttäuschung, Überanstrengung, Überforderung, Verbitterung waren ein ständiger Begleiter und das Kind fühlt genau: „ich bin nicht richtig“ und die Mutter fragt sich verzweifelt: „wie mach ich es nur richtig?“
Diese missglückte Symbiose lässt auch die Ablösung nicht gelingen. Was nicht zusammengefügt ist, kann sich auch nicht lösen. Der unverarbeitete Schmerz verhindert die Ablösung des Kindes von der Mutter und der Mutter vom Kind. Mutter und Kind hängen jetzt in einem Dilemma fest, sie können nicht voneinander, weil die Symbiose von Anfang an unglücklich und nicht emotional sättigend verlief. Jede Mutter eines behinderten Kindes spürt: mein Kind kann nicht alleinverantwortlich sein Leben gestalten. Es ist angewiesen auf Hilfe von außen (von mir).
Mein Ablösungsprozeß von meiner Tochter Martina gelang in dem Maße, in dem ich Vertrauen fand in die Kraft, die Liebe, das Bemühen und das Tun der Menschen, die in Schönbrunn mit und um Martina sind.
Je vertrauter und intensiver der Kontakt mit den Menschen um Martina wurde, mit den Betreuer/innen in der Wohngruppe, der Förderstätte und der Werkstatt, desto mehr konnte ich sie anvertrauen an den Lebensprozess des Miteinanders in der Gemeinschaft. Parallel dazu fand ich Hilfe und Unterstützung meinen Schmerz zu verarbeiten, die eigenen festen, Vorstellungen wurden weicher, Lebensfreude und Lebensaufgabe als Sinn des Lebens wurden bedeutungsvoller. So habe ich über einen jahrelangen, intensiven Prozess gelernt, Martina dem Leben anzuvertrauen und ihre Behinderung als einen für sie wichtigen Lebenssinn zu akzeptieren, der mir als Mutter und Begleiterin, die ich bleiben werde, solange ich lebe, unschätzbare Erfahrungen und Lebensbereicherungen sind und waren. So richtet sich auch hier der Ablösungsprozess naturgemäß nach Können, Autonomie, Erlangen von Fertigkeiten und Selbständigkeit nach außen hin sehr individuell. Die eigentliche Aufgabe ist das innere Lösen, das Zutrauen, das Vertrauen, das Sichselbst Bewusstsein, sich getragen fühlen in Gott und das in diesem Maße auch dem behinderten Kind zugestehen.
DAS GEDÄCHTNIS UNSERES KÖRPERS
GENE – PRÄGUNG – NEUE
ERFAHRUNG
von Peter Schick
DIE ROLLE DER GENE
Wußten Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser, dass wir – Sie und ich – uns nur in 0,1% unserer Gene unterscheiden?
Sie haben richtig gelesen: Alle Menschen dieser Erde stimmen genetisch zu 99,9% überein und selbst von den Bonobo-Affen, die uns in ihrem Verhalten und in ihrem sozialen Gefüge oftmals recht „menschlich“ vorkommen, unterscheiden wir uns nur in 0,7% unserer Gene.
Wem drängt sich spätestens jetzt nicht die Frage auf: Wieso sind wir Menschen dennoch so unterschiedlich, dass keiner dem anderen gleicht? Warum sind wir so wie wir sind? Bleiben wir so wie wir sind für immer? Welche Rolle spielen Prägung und Erfahrung, Beziehungen und Lebensformen, also die Umweltbedingungen, in die wir geboren werden.
Betrachten wir zunächst die Rolle der Gene, des menschlichen Erbguts als Trägern der Informationen, die das Funktionieren unseres Körpers, unseres Geistes und unserer Seele bestimmen und gewährleisten.
Die Gene stellen eine biologische Grundausstattung dar und werden in einem festgelegten Erbgang weitergegeben. Dies ist seit Gregor Johann Mendel (1822-1884), dem Augustiner- Pater und Begründer der Erblehre bekannt. Erst im Frühjahr 2000 ist der Wissenschaft die Entschlüsselung der Gesamtheit menschlicher Gene gelungen. Wir erinnern uns an den seitenlangen Ausdruck der „Buchstaben des Lebens“ in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27.06.2000, mit dem wir herzlich wenig anzufangen wußten. Mendel hatte sich in seinen Untersuchungen auf pflanzliche Gene konzentriert, die immer und vollständig aktiv sind. Wir wissen jedoch heute aufgrund modernster neurobiologischer und genbiologischer Untersuchungen, dass Gene einer Regulation unterliegen, also angeschaltet oder abgeschaltet sein können, und dass diese Genregulation von der jeweiligen Umgebungssituation abhängig ist. Der Regulation unterliegen besonders diejenigen Gene, die für Gesundheit und Krankheit, Infekt- u. Krebsabwehr, also Immunsystem, Streßbewältigung, Hormonregulation, Stoffwechsel- u. Kreislaufregulation verantwortlich sind. Sie führen somit kein unbeeinflußbares Eigenleben.
Jede unserer Körperzellen besitzt Gene und jede Zelle hat die Aufgabe, Eiweißstoffe zu produzieren. Die etwa 35 000 verschiedenen Eiweiße (Proteine), die es beim Menschen gibt, werden nach einem bestimmten Bauplan unter Kontrolle der Gene hergestellt. Jede Körperzelle ist für die Produktion ganz bestimmter Proteine verantwortlich und in jeder Zelle ist jeweils nur ein bestimmtes Sortiment von Genen aktiv. Ein Großteil der Gene wird wiederum selbst reguliert. Ihre Aktivität ist abhängig von Signalen, die aus der Zelle selbst oder von außerhalb, also aus der Umwelt kommen. Diese Genregulation ist also weitestgehend nicht vererbbar. Entsprechende Signale aus dem eigenen Körper oder aus der Umwelt können stofflicher Natur sein, die wir zum Beispiel über die Nahrung aufnehmen. Die nicht-stofflichen Signale wirken besonders im Gehirn, wo die mit den Nervenzellsystemen der 5 Sinne aufgenommenen Signale Gene aktivieren oder abschalten können, d. h. Erlebniseindrücke werden in biologische Signale umgewandelt. Die Genregulation unterliegt also überwiegend Situationen und Einflüssen und aktuellen Umgebungsbedingungen. Durch Erfahrungen und Erlebnisse werden bestimmte genetische Reaktionen verursacht, die im Organismus bleibende Reaktionsmuster installieren können, mit seelischen und biologischen Auswirkungen.
Vor diesem Hintergrund lernen wird unsere eigenen Muster zu verstehen, die sich unserem Verständnis und unserer Zuordnung dann entziehen, wenn sie prae - ,peri - und frühkindlich postnatal installiert worden sind. Von besonderer Bedeutung sind hier die zwischenmenschlichen Erfahrungen, die nach heutigen wissenschaftlichen Untersuchungen einen großen Einfluß auf die Genregulation haben und damit auf die seelische, geistige und körperliche Entwicklung des Menschen einwirken.
In einer Gesellschaft, in der ein Mangel an zwischenmenschlichen Beziehungen, ein Übermaß an Gewalt, das Streben nach Reichtum, ewiger Jugend, Macht und Perfektion, Mißbrauch und emotionale Verwahrlosung um sich greifen, müssen andererseits Depressionen, Burn-out-Syndrom, posttraumatische Belastungsstörungen, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebsleiden zunehmen. Die Frage lautet heute nicht mehr: „Gene oder Umwelt?“ sondern: „Gene und welche Umwelt?“. Und hier liegt die Verantwortung jedes Einzelnen an seinem Platz, ob Vater oder Mutter, Lehrer oder Arzt, Mann oder Frau, Bruder oder Schwester, nämlich in der Gestaltung seiner zwischenmenschlichen Beziehungen an einer körperlich, geistig und seelisch weniger kranken Gesellschaft mitzuwirken.
DIE PRÄGUNG
Nachdem nun also die entscheidende Rolle der Umgebungsverhältnisse auf die Steuerung der Gene hoffentlich ausreichend verständlich dargelegt ist, wollen wir uns der Prägung und den neurobiologischen Voraussetzungen zuwenden.
Das menschliche Gehirn verfügt über etwa 20 Milliarden Nervenzellen, die zur Hälfte über die Hirnrinde verteilt sind, zuständig für höhere Steuerungs- und Warhnehmungsfunktionen und für die intellektuelle Intelligenz.
Die Hirnrinde steht mit dem sogenannten Limbischen System in Verbindung, welches als Zentrum für „emotionale Intelligenz“ emotionale Signale aufnimmt und aussendet, unser Ich-Gefühl, das Selbstwertgefühl und das Mitgefühl – also die Empathie – beherbergt. Das Limbische System steht mit tieferen Hirnteilen, so mit dem Hirnstamm und dem Hypothalamus in Verbindung, von wo das innere Körperbefinden gemeldet wird. In einem Teil des Limbischen Systems werden Erinnerungen abgespeichert, die zur Bewertung neuer Situationen herangezogen werden, um bei Bedarf z. B. Alarmsignale an tiefere Zentren abzuschicken.
Die Arbeitsweise des Gehirns beruht auf einer Vernetzung jeder einzelnen Nervenzelle mit bis zu 10 000 anderen Nervenzellen, was an den Schaltstellen (Synapsen) über den Austausch von Nervenbotenstoffen geschieht. Benachbarte Nervenzellen bilden kleinere Verbände, mehrere Verbände sind zu Nervenzell-Netzwerken verknüpft. Wahrnehmungen und Vorstellungen entsprechen einem bestimmten Verschaltungsmuster.
Nervenzellen, die miteinander verknüpft sind und bei Eintreffen eines Signals gleichzeitig aktiviert werden, verstärken ihre Verknüpfung, funktionieren zunehmend besser und schneller. Umgekehrt können Verschaltungen durch Nichtgebrauch verloren gehen. Die Fähigkeit des Gehirns, Verschaltungen zu verändern und sich selbst umzubauen, wird als „Synaptische Plastizität“ bezeichnet.
So werden Wahrnehmungen sicherlich bereits vorgeburtlich in Nervenzell-Netzwerken gespeichert. Die Gestaltung von Beziehungen bildet Nervenzell-Netzwerke spätestens ab der Geburt aus. Sogar die Zahl der Nervenzellen und Synapsen in der Hirnrinde ist durch Training und Aktivität positiv, durch Inaktivität negativ beeinflußbar.
Anders als bei den Tieren ist der menschliche Säugling in seiner Unreife der Umwelt relativ ungeschützt ausgesetzt. Er ist deshalb auf einen Menschen als Vermittler- in der Regel und bestenfalls die Mutter – angewiesen, die als Beziehungsperson die notwendigen Signale dem kindlichen Gehirn zuführt, positive Signale verstärkt und eine angemessene Reizzufuhr gewährleistet. Die Grundausstattung an Nervenzellen ist bei Geburt vorhanden. Die Verschaltung nimmt in den letzten Schwangerschaftsmonaten explosionsartig zu und ist am Ende des 1. Lebensjahres abgeschlossen. Schon vor der Geburt wurden Nervenzell-Netzwerke angelegt, z. B. für die Wahrnehmung der mütterlichen Stimme, für Bewegungsmuster der Muskulatur und für Tast- und Berührungsempfindung. Die für den Säugling angemessenen Signale zur Anregung der seelischen, geistigen und motorischen Entwicklung müssen der Aufnahmefähigkeit jeweils entsprechen. Reizüberflutung und Überforderung führen zu Streßreaktionen mit der Ausschüttung entsprechender Hormone und Botenstoffe, die Nervenzellen und Netzwerke sogar zerstören können.
Die Kommunikation, also der Signalaustausch zwischen Mutter und Säugling erfolgt nach Gesetzmäßigkeiten wie sie schon von Mechthild und Hanus Papusek sowie von Daniel N. Stern beschrieben wurden. Er unterliegt dem Rhythmus, den das Kind vorgibt und nachdem die Mutter sich richtet. Stimmliche, mimische und taktile Signale wandern hin und zurück. Von besonderer Bedeutung sind dabei spezialisierte Nervenzell-Netzwerke im Gehirn, die in der Lage sind, Laute und mimische Ausdrücke abzuspeichern und zu imitieren. Schon kurz nach der Geburt ist der Säugling in der Lage, solche Signale zurückzuspiegeln. Deshalb werden die dafür verantwortlichen erst kürzlich von Giacomo Rizzolatti entdeckten Nervenzellen „Spiegel-Nervenzellen“ genannt und sind vermutlich die neurobiologische Grundlage für die frühe Kommunikation zwischen Mutter und Säugling.
Ob eine Mutter nun die intuitive Fähigkeit besitzt, mit dem Säugling in angemessener Weise in emotionalen, körperlich-sinnlichen und sprachlichen Kontakt zu treten, hängt nach neuesten Veröffentlichungen davon ab, ob bei der Mutter im Säuglingsalter entsprechende Erfahrungen in ihren Nervenzell-Netzwerken abgespeichert wurden. Hier bestätigt sich die Beobachtung, die wir zunehmend in der Festhaltetherapie mit dem sogenannten Muttermangel machen, für den unterschiedliche Ursachen wie Krieg, Not, Verlust familiärer Strukturen und veränderte Erziehungsstile verantwortlich sind. Wollen wir also die Empathie der Mutter und des Vaters für die Bedürfnisse des Säuglings bzw. Kindes entwickeln helfen und unterstützen, kommen wir um die Arbeit der Erwachsenen mit dem eigenen Inneren Kind und ihrer eigenen frühkindlichen Bindungserfahrungen nicht herum. Deshalb sollte auch der Therapeut ausreichend Selbsterfahrung bezüglich des eigenen frühkindlichen Mangels und der daraus resultierenden Reaktionsmuster sammeln, um Väter und Mütter in ihrem Bemühen um elterliche Kompetenz unterstützen zu können. So hat meine eigene Selbsterfahrung mit dem Muttermangel wesentlich dazu beigetragen, meine bisherigen Verhaltensmuster zu begreifen, ggf. in Frage zu stellen und -wenn auch spät- die Bedürfnisse der eigenen Kinder und in der täglichen Arbeit die Bedürfnisse meiner großen und kleinen Patienten besser wahrnehmen und verstehen zu lernen. Die Öffnung des Herzens macht es möglich, neue Erfahrungen zu machen, neue Nervenzell-Netzwerke und damit neue Verhaltensmuster zu installieren.
Von besonderer Bedeutung für die Sicherung der Bindung ist nach ebenfalls neuesten Erkenntnissen ein Hormon, welches durch die Aktivierung eines Gens der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) ausgeschüttet wird. Es handelt sich dabei um das gleiche Hormon, nämlich Oxytocin, welches für den Milchfluß und die Rückbildung der Gebärmutter nach der Geburt des Kindes verantwortlich ist. Es wird auch bei Vätern nach der Geburt ihres Kindes ausgeschüttet und auch dann, wenn Menschen sich verlieben, also im Begriff sind eine starke emotionale Bindung einzugehen.
Ein weiteres Faszinosum in der frühen Entwicklung des Säuglings ist der Umgang mit Signalen, die aus dem eigenen Körper des Kindes kommen. Wenn das Kind z. B. Hunger empfindet und schreit, weiß es noch nicht, dass das innere Signal dem Bedürfnis nach Nahrung entspricht. Erst die angemessene Reaktion der Mutter ermöglicht dem Säugling einen Zusammenhang zwischen Signal und Reaktion der Mutter herzustellen. Diese Verknüpfung kann jedoch nur stattfinden, wenn das innere und äußere Signal zeitgleich eintreffen. Neuroanatomisch liegt der Sitz dieser Verknüpfungen in einer bestimmten Hirnwindung, Gyrus cinguli genannt, wo sich nach neueren Untersuchungen die Nervenzell-Netzwerke für Beziehung, Bindung und Selbstwertgefühl befinden.
Daher ergibt sich die Notwendigkeit und Empfehlung, die Bedürfnisse des Säuglings und Kindes wahrzunehmen, zu deuten und sie unmittelbar zu stillen. Auch wenn es Eltern nicht immer gelingen kann, das wahre Bedürfnis des noch nicht sprechenden Säuglings sofort richtig zu deuten, sollte dennoch die emotionale und körperliche Zuwendung erfolgen, damit Beziehung und Bindung wachsen und Selbstwert (ich werde gesehen, verstanden, geliebt) entstehen kann. Empfehlungen, wie sie in manchen Ratgebern (z. B. „Jedes Kind kann schlafen lernen“) mitgeteilt werden, stellen teilweise eine Mißachtung der Rechte und Bedürfnisse, ja eine Mißhandlung des Kindes mit entsprechenden Folgen für die Entwicklung dar.
Unsere therapeutische Hilfe ist besonders dort gefragt, wo sich bei Kindern neuropsychologische und psychomotorische Entwicklungsstörungen zeigen, die z. B. auf einen Bindungsabbruch nach dramatischer und traumatischer Geburt, in Folge Wochenbettdepression oder auf sonstige schockierende Umstände zurückzuführen sind. Die zunehmende Zahl von -medizinisch häufig nicht notwendigen- Kaiserschnittentbindungen und damit im Einzelfall möglicherweise mißlungener Rückbindung zwischen Mutter und Säugling stellen ein zunehmendes Problem in jungen Familien dar. Die moderne Medizin, der wir das Überleben von Frühgeborenen, leider oft mit körperlicher Behinderung, verdanken, hinterläßt oft Mütter und Väter, die im Schock verharren und „vor lauter Medizin ihr Kind nicht sehen“. Hier fehlt die notwendige psychologische und therapeutische Begleitung, die zur Verarbeitung der Ereignisse und zur Entwicklung der emotionalen Bindung zum Kind benötigt wird. Wenn die Gene für Streßhormone aktiviert sind, hat das Bindungshormon wenig Chance.
Aus meiner täglichen Arbeit mit Säuglingen und auch vielen behinderten Kindern sind mir solche Zustände von Schock und Hilflosigkeit junger Eltern geläufig. Oft ist hier die festhaltetherapeutische Arbeit wichtiger, als medizinische Hilfe, die letztlich erst nach Rehabilitation der frühen Bindung vollends gelingen kann. Eine häufig gemachte Erfahrung ist, daß Müttern wegen einer Entwicklungstörung des Säuglings empfohlen wird, krankengymnastische Therapie durchzuführen, die Mutter sich jedoch in Ihrem Schmerz oder im Selbstvorwurf außerstande fühlt, dem Kind die zur Förderung notwendigen Leistungen abzufordern. Nach Rehabilitation der Bindung stellt die notwendige Krankengymnastik sogar ein bindungs-verstärkendes Element in der Mutter-Kind-Beziehung dar.
Im Rahmen von Hirnstrommessungen (EEG) kann heute nachgewiesen werden, dass Kinder ohne feste mütterlich pflegende Bezugsperson,( die bei Ausfall der Mutter auch durch eine andere feste Bindungsperson ersetzt werden kann), weniger Nervenzell-Netzwerke entwickeln, was zu motorischen und seelischen Störungen führen kann. Am ausgeprägtesten sind solche EEG-Veränderungen nachweislich bei Kindern, die von sozialer und emotionaler Vernachlässigung oder gar von Mißhandlung betroffen sind. Die Folge sind häufig nicht nur Störungen in der sozialen Entwicklung, sondern auch in der Lernfähigkeit bis zur Verminderung des Gehirnvolumens. Die verläßliche, liebevolle, einfühlende, halt- gebende und ermutigende Erziehung ist also die Grundlage für das Gedeihen des Kindes in jedem Bereich, selbst auf neuroanatomischer und neurobiologischer Ebene.
Prägung geschieht also zwar auf dem Boden unserer Gene, aber besonders aufgrund der Erfahrungen, insbesondere Beziehungserfahrung, die wir prae -, peri - und postnatal in frühester Kindheit machen. So sind unser seelisches Empfinden einerseits und unser Gehirn mit seinen Nervenzell-Netzwerken, Genen und Hormonen andererseits auf zwischenmenschliche Bindung angewiesen. Die emotionale Intelligenz – körperlich angesiedelt im Limbischen System unseres Gehirns – von Jirina Prekop gern die Intelligenz des Herzens genannt – wächst mit den Erfahrungen, die sich in unserem Gehirn bleibend abbilden. So könnte der Begriff „Das kluge Herz“ durchaus in diesem Zusammenwirken von Erfahrung und hirnorganischer Verschaltung verstanden werden. Ein Hirn ohne Herz – überspitztes Sinnbild des modernen Intellektualismus unserer von Wissenschaft geprägten und an Wissen überbordenden Welt. Ein Herz ohne Hirn – bleibt ohne Rückmeldung und speichert keine neue Erfahrung.
Die große Verantwortung, die sich für Eltern und für jeden Erwachsenen aus dem heutigen Wissen jedoch ergibt, liegt in unserer Verpflichtung uns selbst und den nachkommenden Generationen gegenüber, durch immer wieder neue Erfahrungen und Selbsterfahrungen die Möglichkeiten unseres Gehirns zu nutzen, neue Nervenzell-Netzwerke, neue Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster zu installieren besonders da, wo uns Mängel und Nöte schmerzlich bewußt werden, wo uns alte Muster im Weg stehen und ein menschliches Miteinander erschweren. Die neue Erfahrung ist möglich, sie setzt, wie wir alle wissen, Mut, Neugierde, ein offenes Herz und Achtsamkeit voraus. Wenn wir heute feststellen dürfen, dass wir nicht zwangsläufig Opfer unserer genetischen Ausstattung, sondern fähig zu Wachstum und Veränderung sind – Dank der Plastizität unserer neurobiologischen Strukturen, dann müssen wir die Verantwortung übernehmen dafür, wie wir mit uns und mit unseren Mitmenschen, Kindern und Kindeskindern umgehen. Der Imperativ, den Jirina Prekop in Ihren Vorträgen gerne formuliert lautet: Im Umgang mit Deinem Kind frage Dich, „was Du willst, daß es von Dir lernen soll“.
DIE NEUE ERFAHRUNG
Wir spüren ständig, wie eingefahren und festgefahren oft unsere Reaktionen und Verhaltensmuster im Umgang mit Menschen und Situationen sind. Hier macht sich die Prägung bemerkbar, die immer zum Abgleich neuer Situationen herangezogen wird. Jede neue Erfahrung stößt auf bereits gemachte Erfahrungen und löst in Nervenzell-Netzwerken eingeübte sofort abrufbare Reaktionen aus, aktiviert Gene, die nach eingeübtem Muster z. B. Streßhormone ausschütten und keine andere Reaktion zulassen. Der Erfolg therapeutischer Bemühungen, auch der Festhaltetherapie – beruht darauf, dass durch die Reaktivierung altbekannter Erfahrungen zunächst alle dazu gehörigen Nervenzell-Netzwerke aktiviert werden. Wenn dann also die neue Erfahrung möglichst mehrfach in die aktivierten Hirnareale korrigierend andere Vernetzungen zu installieren vermag, verfügen wir über neue Möglichkeiten auf altbekannte Reize zu reagieren. Da die meisten unserer Verhaltensmuster in einer Entwicklungsphase vor der bewußten Erinnerung erworben und eingerichtet wurden, müssen wir über Körpererinnerung, Visualisierung und Sinnesorgane die alten Empfindungen aus dem Bereich der unbewußten Erinnerung in das Bewußtsein heben, was jedem Festhaltetherapeuten bekannt ist. Der therapeutische Prozeß endet letztlich erst dann, wenn die korrigierende Neuerfahrung („Du bist ja meine Frau und gar nicht meine Mutter“) als fester Bezugspunkt zum Abgleich weiterer Erfahrungen sicher installiert ist und die alten Nervenzell-Netzwerke quasi für immer abgeschaltet sind. Aufgrund der großen Zahl von 20 Milliarden Nervenzellen, die unser Gehirn zur Verfügung hat und die nur zu einem Bruchteil genutzt sind, sind Lernprozesse lebenslang möglich. Das Hirn läßt sich vom Herzen belehren, doch auch das Herz muß bereit sein. „Wohlan denn Herz nimm Abschied und gesunde“ sagt Hermann Hesse in seinem berühmten Gedicht „Stufen“.
Noch nie habe ich diesen Satz so gut verstanden wie heute. Den wesentlichen Beitrag dazu haben die Menschen geleistet, die mich in den letzten Jahren ausgehalten, mit mir durchgehalten und mich festgehalten haben. Sie haben mich begleitet in meiner Ausbildung zum Festhaltetherapeuten und bei meinen Selbsterfahrungsprozessen mit meiner Frau, meiner Mutter und meinen Kindern, in Aussöhnungs-, Muttermangel- und Paarprozessen. Jeder dieser Prozesse hat in mir spürbare und sicherlich auch nach außen wirksame Veränderungen in Gang gesetzt, was sich in allen Lebensbereichen im Umgang mit mir selbst und mit meinen Mitmenschen niederschlägt. Immer wieder wird mir von Patienten, die mich seit vielen Jahren kennen gespiegelt, daß sie solche Veränderungen wahrnehmen und sich besser gesehen und verstanden fühlen.
Und so möchte ich all unseren Leserinnen und Lesern Mut machen, den Weg der Ausbildung, Weiterbildung, Selbsterfahrung und Neuerfahrung zu gehen, aus Liebe zu sich selbst und zu den Menschen, die wir lieben und für die Menschen, die auf unsere Hilfe bauen.
Literaturempfehlung:
Joachim Bauer : „Das Gedächtnis des Körpers“, Eichborn-Verlag
Gerald Hüther : „Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn“,
Verlag Vandenhoeck u. Ruprecht
Jirina Prekop: „Einfühlung oder Die Intelligenz des Herzens“,
Kösel Verlag
Bewegung und Lernen
Eine Abhandlung über die Bedeutung der Bewegung und
der frühkindlichen Reflexe für die kognitive Entwicklung
von Rosemarie Haus
Vorgelegt von Rosemarie Haus ihm Rahmen der Ausbildung in Neurophysiologischer Entwicklungsförderung NDT/INPP bei Anja van Velzen 2006/2007.
Aufgrund des großen Umfanges dieser Arbeit (66 Seiten) haben wir sie hier zum Download als PDF bereitgestellt: Bewegen_und_Lernen.pdf